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"Wir waren von Anfang an begeistert und sind es bis heute geblieben"

Ein Interview mit Professor Fogo und Instrutora Chanel



Die beiden Capoeira Navio Herbst-Festivals “Alma & Corpo” in Herzogenaurach (organisiert durch Instrutora Chanel) und “Evolucao” in Darmstadt (organisiert von Professor Fogo) stehen vor der Tür. Beide Festivals sind auf ihre Art eine echte Premiere - “Alma & Corpo” ist das erste Capoeira Navio Festival in Franken – und bei “Evolucao” wird zum ersten Mal eine Formatura de Contramestre durch Mestre Cigano und außerdem die offizielle "Roda de Lancamento" für Capoeira Navio stattfinden. Ich habe mich mit den beiden Organisator*innen daher heute für ein kurzes Interview verabredet.


Hallo ihr beiden, schön Euch zu treffen! Endlich kann ich Euch mal ein paar Fragen stellen, die mich schon lange interessieren! Am besten fangen wir vorne an. Wann und wie seid Ihr zur Capoeira gekommen?

FOGO: Ungefähr 2004 oder 2005 habe ich gemeinsam mit meinem Bruder mit Capoeira angefangen. Ich hatte vorher auf fortgeschrittenem Niveau Taekwondo gemacht und war tatsächlich vorher auch schon mal mit Capoeira in Berührung gekommen. Zu dieser Zeit gab es aber bei uns in der Gegend keine Möglichkeit, Capoeira zu erlernen. Damals war das Internet ja auch noch nicht so weit wie heute (lacht). Das heißt, um von Capoeira-Angeboten zu erfahren, war man darauf angewiesen, nach Flyern Ausschau zu halten. Obwohl Capoeira mich von Beginn an gefesselt hatte, habe ich zu der Zeit nicht proaktiv nach Capoeira gesucht, weil ich ja im Taekwondo sehr involviert war. Eines Tages fragte mich mein Bruder, ob ich nicht gemeinsam mit ihm zu einer Capoeira-Stunde gehen würde. Ich würde ja ohnehin “irgendwas mit Kampfsport machen” und er wolle dort nicht allein hingehen. Und so bin ich damals das erste Mal im Training in Wallau (bei Wiesbaden) aufgeschlagen.

CHANEL: Ich komme gebürtig aus Wiesbaden. Nach dem Abi 2004 war ich auf der Suche nach einem neuen Sport, der mich begeistert. Ich hatte als Kind und Jugendliche viel getanzt - Ballett und Flamenco - dann aber die Lust verloren und in der Oberstufe damit aufgehört. Capoeira hatte ich im Urlaub schon mal am Strand gesehen und danach auch noch mal bei einer Show auf einem Stadtfest. Danach hatte ich Capoeira schon auch irgendwie bereits im Hinterkopf. Als ich dann zufällig in der Stadt einen Flyer von Grupo Capoeira Brasil unter der Leitung von Mestre - damals noch Professor- Cigano fand, gab mir das den Anstoß, Capoeira tatsächlich auszuprobieren. Und so bin ich im Februar 2005 dann zum ersten Mal zum Probetraining ins Fitnessstudio "Sportif" in der Sonnenberger Straße gegangen. Und was soll ich sagen: ich war vom ersten Moment an begeistert und habe nie wieder aufgehört!


Wann habt Ihr selbst angefangen, selbst Capoeira zu unterrichten und wie kam es dazu?

FOGO: Zuerst habe ich ab 2006 in Mainz als Capoeira-Kindertrainer angefangen, obwohl ich zu dieser Zeit eigentlich gar nicht mehr unterrichten wollte. Vor dem Kampfsport hatte ich bereits Tennis, Schwimmen und Basketball unterrichtet und darunter hat mein eigener Fortschritt als Sportler immer früher oder später gelitten. Ich habe schon Sport unterrichtet, seit ich 16 Jahre alt bin und habe schnell gemerkt, dass das Unterrichten mir Spaß macht und liegt. Irgendwann kam noch ein Studium der Sportwissenschaften dazu.

Als sich dann die Gelegenheit ergab, recht schnell auch Capoeira zu unterrichten, weil in Mainz Kindertrainer gefehlt haben, dann habe ich es einfach mal ausprobiert – und bin immer dabei geblieben.

CHANEL: Ich habe ungefähr 2008 angefangen, Mestre Cigano mit seiner Gruppe in Frankfurt zu unterstützen. Wir hatten damals in der FTG eine Fortgeschrittenen- und eine Anfängergruppe und ich habe dann erstmal die Anfänger*innen unterrichtet und auch gelegentlich Vertretungstraining bei den Fortgeschrittenen gegeben. Mestre Cigano hat schon damals Potential in mir gesehen und mich auf meinem Weg immer unterstützt. Hinzu kam mein Studium zur Gesundheitsmanagerin und der Erwerb verschiedener Trainerscheine. So passte dann auch der berufliche Background ganz gut dazu. Sport zu machen und vor allem auch zu weiterzugeben, hat mir sofort Spaß gemacht. Speziell beim Capoeira habe ich damals - wie auch heute immer noch - sehr viel Freude daraus gezogen, Menschen begeistern zu können und sie bei den positiven Veränderungen und der persönlichen Entwicklung, die der-Capoeira-Weg bedeutet, zu begleiten. Außerdem bedeutet es mir sehr viel, hier vor Ort die Community zusammenzuhalten und weiter aufzubauen.

Wie haltet Ihr Euch selbst fit? Habt Ihr ein Trainings-Geheimnis?

FOGO: Beruflich muss ich körperlich viel leisten, und mache in diesem Kontext viel Nordic Walking. Für meine eigene “private” Fitness habe ich aber eine Capoeira-spezifische funktionale Fitnessmethodik, ähnlich Calisthenics entwickelt, mache außerdem Flowfit (Flexibilität, regelmäßige Kraft), und habe mein eigenes Schema entwickelt, um systematisch und kontinuierlich körperliche Baustellen anzugehen.

Ich hätte aber gar kein Problem, mich jeden Tag nur mit Capoeira zu beschäftigen (lacht), schon dafür reicht meine Zeit leider gar nicht! Sonst hätte ich sehr viel Lust, mich auch mal wieder mit Grappling oder BJJ zu beschäftigen.


CHANEL: Ich jogge gern! Vor allem, um den Kopf freizukriegen und einen Ausgleich zu haben. Nebenbei lerne ich auch mal Capoeira-Liedtexte, aber hauptsächlich genieße ich dann die Natur, die Ruhe und die frische Luft - das ist für mich total entspannend und meditativ.

Außerdem mache ich gezieltes Krafttraining. Neben Capoeira gibt es noch eine zweite große Leidenschaft: Boxen!

Kontaktsport & Sparring ist einfach mein Ding!


Was macht Ihr beruflich? Habt Ihr Familie? Und wie bringt Ihr Capoeira und Euer "normales" Leben unter einen Hut?

CHANEL: Das weiß ich manchmal selbst nicht genau (lacht). Es ist wirklich eine große Herausforderung! Ich habe 2 Kinder und mich nach der zweiten Elternzeit entschieden, meinen Beruf bei einer Krankenkasse aufzugeben und hauptberuflich Capoeira-Lehrerin zu sein. Nebenbei bin ich aber natürlich auch Mama & Hausfrau. Ich unterrichte von Montag bis Samstag, sowohl in Schulen in Erlangen, in der Kampfsportschule Learn2fight in Nürnberg und Erlangen und habe zusätzlich eine eigene Kindergruppe hier in Herzogenaurach.

Dieses Pensum ist nur mit viel Verständnis und der Unterstützung durch meine Familie zu schaffen. Und es ist mit Kämpfen und Kompromissen verbunden, um sich Raum zu schaffen und Mittel und Wege zu finden, um die eigenen Ideen in die Tat umzusetzen. Man muss ehrlich sagen, dass das auch mit Entbehrungen verbunden ist und dass man auch manchmal - oder oft - Erwartungen nicht erfüllt. Für mich geht es auf meinem Weg darum, gangbare Kompromisse zu finden und die Herausforderung zu lieben. Und natürlich musste ich lernen, meine Zeit brutal gut zu managen und den Alltag mit den Menschen, die diesen gemeinsam mit mir stemmen und wuppen, genauestens zu planen.

Fogo spielt mit einem Kind - seinem Sohn - in der Roda
Eine echte Capoeira-Familie

FOGO: Ich bin verheiratet und ebenfalls Vater von zwei Kindern, die aktuell 10 und 3 Jahre alt sind. Beruflich bin ich Sporttherapeut in einem ambulanten Rehabilitationszentrum, was zum Beispiel Patientenversorgung in der passiven, nicht manuellen Form beinhaltet und bin dort mittlerweile auch Teil der Leitung. Zum Glück kann ich dort immer noch verhältnismäßig viel therapeutisch arbeiten. Capoeira-Training gebe ich nebenberuflich zweimal die Woche. Das alles zu verbinden, erfordert viel familiäre Kommunikation und “meine” Capoeira-Zeit beginnt meist erst abends, wenn meine Kinder im Bett sind und der Haushalt erledigt ist. Dass meine ganze Familie Capoeira-begeistert ist, hilft da der Akzeptanz natürlich sehr!



Wie würdet Ihr Euch als Capoeirista charakterisieren? Kämpfer*in oder Styler*in? Oder was ganz anderes? CHANEL: Ich finde es fast leichter, erst zu beantworten, worin ich mich eher nicht sehe (lacht). Akrobatik fällt mir eher schwer und ich arbeite auch überhaupt nicht gerne daran. Vielleicht auch, weil ich diesbezüglich wenig Talent habe und es mir daher auch schwer fällt, dran zu bleiben. Um Akrobatikbewegungen später in der Roda auszuführen bedarf es ja im Training unzähliger Wiederholungen. Ich habe den Eindruck, da gebe ich manchmal zu schnell auf und verliere die Motivation. Dann bin ich doch eher Kämpferin! Ich mag die kämpferischen Aspekte sehr, weshalb ich auch zum Boxen gekommen bin. Allerdings liebe ich auch die weichen Bewegungen und den ästhetischen Aspekt, das “Tänzerische”, wenn man so will. Das finde ich übrigens im Boxen auch. Daher mag ich es sehr, mich mit der Ginga auszudrücken. Sie ist mit ihrer Vielfältigkeit tatsächlich meine Lieblingsbewegung in der Roda und ich unterrichte sie auch total gerne.

FOGO: Ich bin Capoeira-Lover (lacht)! Vom Stil her würde ich mich eher als Capoeira-Allrounder bezeichnen, da ich wirklich jede Facette der Capoeira liebe und mich damit total gern beschäftige.



Was erwartet die Gäst*innen auf Euren jetzt unmittelbar bevorstehenden Festivals? Was sind die Specials & Top Acts?

Logo Capoeira Festival "Alma & Corpo"
"Alma & Corpo" am 21./22. Oktober

CHANEL: Mein Event Ende Oktober heißt “ALMA E CORPO”. Das heißt übersetzt “Seele und Körper” und steht für die Verbindung zwischen beidem. Es weist darauf hin, dass Capoeira eine körperliche, aber auch eine spirituelle Seite hat. Nicht nur kulturgeschichtlich, sondern auch durch die Energie, die entsteht, wenn wir uns mit dem Körper ausdrücken, uns bewegen, singen, Instrumente beherrschen und im Dialog während des Spiels mit anderen Capoeiristas. Ich organisiere das Festival, um besondere Momente zu kreieren.

Eine Plattform zu schaffen, für Inspiration und Motivation. Um zu lernen, zu begeistern und zu unterstützen, Menschen zusammen zu bringen, die die wundervolle Kunst der Capoeira

Logo Evolucao V
"Evolucao V" findet vom 03.-05- November statt

leben: für meine Schüler*innen und Freund*innen, für Lehrer*innen und Meister*innen, die ihren Wissensschatz teilen. Nicht zuletzt um diese Menschen zu ehren und ihnen etwas von der Energie zurückzugeben, die sie jeden Tag in die Capoeira investieren. FOGO: Auf jeden Fall wird es bei meinem Festival “Evolucao” im November in Darmstadt positive Vibes, gute Musik und ganz viel Spaß geben! Mein Ziel ist es, Capoeira den Menschen während des Events einfach noch ein Stückchen näher zu bringen. Die Top Acts sind wir alle!



Noch ein Satz zu Eurem Training: Was erwartet potentielle Schüler:innen?

FOGO: Ich unterrichte in Darmstadt. Euch erwartet bei mir ein sportmedizinisch angehauchtes Aufwärmtraining und methodisch aufgebaute Sessions. Ich verfolge immer ein spezifisches Thema für mehrere Monate. Wir machen viele Wiederholungen, weil Capoeira so facettenreich ist. So bleiben die Bewegungen besser hängen. Eher selten mache ich spezifisches Kraft-Training. Ich gebe lieber Hinweise für das Training zuhause. Dann bleibt im Training mehr Zeit für Technik, Interaktion und funktionales Präventionstraining. Auch die Musik ist immer Teil meines Trainings – allround eben!

CHANEL: Ich unterrichte Erwachsene in der Kampfsportschule Learn2Fight in Nürnberg und Erlangen. Neben dem normalen Capoeira-Training unterrichte ich dort auch einen Kurs, der sich “Fighters Mobility“ nennt. Ich halte es für sehr wichtig, dass man darauf achtet, die Gelenke zu mobilisieren und den Körper geschmeidig zu halten, wenn man lange und gesund lange Kampfsport treiben möchte. Das betrachte ich als ein Selbstverantwortung und sollte eigentlich für jeden Capoeirista so selbstverständlich sein wie Zähneputzen (lacht). Wir müssen als Trainer*innen nicht nur Bewegungen unterrichten, sondern auch gezielte körperliche Vorbereitung und Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper vermitteln. Die Folge sind sonst häufige Verletzungen und immer langsamere Regeneration, muskuläre Dysbalancen, Verkürzungen und Schmerzen. Das rächt sich einfach früher oder später. Ich habe zu viele Capoeiristas gesehen, die einige wenige sehr starke Jahre hatten und die dann körperlich so schnell abgebaut haben, dass man heute nichts mehr von ihnen hört. Deswegen ist Mobility ein wichtiger Teil meiner sportlichen Aktivitäten und meines Unterrichts.


Liebe Chanel, lieber Fogo, ich danke Euch sehr für die spannenden Einblicke in Eure Capoeira-Geschichte und freue mich schon riesig auf Eure Festivals! Wer dabei sein möchte, findet übrigens in den Links unten die Anmeldemöglichkeiten.


Das Interview wurde geführt von Grad. Emcima.


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